Hochzeitsrede für Rike und Stefan

Rede von Joachim K., Vater des Bräutigams

Liebes Brautpaar, liebe Familienmitglieder, liebe Freunde und Kollegen und ganz besonders: liebe Therese, die du es dir mit deinen 93 Jahren nicht hast nehmen lassen, mit dem Zug aus Hamburg anzureisen. Danke, dass du, danke, dass ihr alle heute hier seid.


Ich will euch – so kurz vor dem Buffet – nicht mit einer ausufernden Rede langweilen, schließlich wollen wir ja heute Spaß haben und miteinander feiern. Außerdem bin ich als Tiefbauingenieur zwar gut darin, Straßen zu planen und Unebenheiten zu glätten, aber in den vergangenen 35 Jahren erwarb ich die meisten meiner rhetorischen Fähigkeiten auf Baustellen. Umgeben von Straßenbauern, Kanalarbeitern und Jungs, die Bierflaschen mit ihren Zähnen öffnen können. Auch da bekommt man zwar ein paar sprachliche Kompetenzen mit, aber wirklich überlebenswichtig ist es nicht, die Information Der Hydraulikbagger hat einen Motorschaden aus 28 verschiedenen Arten des Fluchens heraushören zu können.


Aber: Ein paar Worte werde ich schon hinbekommen.


Gut sechs Jahre ist es her, dass ihr euch auf der Wohnungseinweihungsparty von Tim, der heute ebenfalls hier ist, kennengelernt habt. In den folgenden Monaten habt ihr beide erstmal so geguckt, wo das hinführt – zumindest sagt ihr das immer, wenn man euch nach eurem Kennenlernen fragt. Sechs Jahre später sitzt hier vorn ein stolzes Brautpaar und erlebt den schönsten Tag seines Lebens. Dahin hat euch also die Begegnung auf Tims Party, euer „Gucken“ geführt. Zu einem wunderschönen Ziel.


Euer gemeinsamer Weg war beizeiten ziemlich anstrengend: Ein halbes Jahr Fernbeziehung, weil es Rike beruflich nach Bologna verschlug. Stefans langer Krankenhausaufenthalt und die anschließende Reha, weil es ihn beim Snowboarden von der Piste verschlug. Und nicht zu vergessen: euer Hausbau. Stress mit den Handwerkern, ein Umzugstermin, der irgendwie eingehalten werden musste und ein Verputzer, der eure im Garten liegenden antiken Fenstergitter, die ihr aus einem Abbruchhaus in Brandenburg gerettet hattet, an einen vorbeifahrenden Schrottsammler verschenkte. Da lagen die Nerven blank und entsprechend bierkutscherig gingt ihr miteinander um. Wie meine Straßenbauer, wenn der Azubi gerade die Hydraulik der Asphaltfräse geschrottet hat. Doch eure Beziehung hat all das überstanden, ihr seid daran gewachsen. Als einzelne Persönlichkeiten. Und als Paar.


Das alles passt zu dir, Stefan. Deine Stärke war es schon immer, aus einer Situation das Beste zu machen und dich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Bereits als Kind waren Probleme und Hindernisse für dich eher knifflige Rätsel, die es zu lösen galt. Erinnerst du dich an das Weihnachtsfest, an dem du den riesigen Truck von Lego bekommen hast? Du warst vielleicht acht oder neun. Den ganzen ersten Weihnachtsfeiertag bautest du an diesem Auto. Der Besuch der Großeltern – und deren Geschenke – konnten dich nur kurz von deiner „Arbeit“ abhalten. Irgendwann, kurz vor dem Abendessen, kamst du aus deinem Zimmer und sagtest sehr bestimmt: Ich brauche eine Säge. Weil wir dich alle sehr verwirrt ansahen, klärtest du uns auf: Es fehlten für deinen Truck wohl zwei Legosteine. Zwei kleine, flache mit 2x2 Steckern. Die waren nicht da. Doch statt Trübsal zu blasen oder dich zu ärgern, hattest du aus deinem vorhandenen Lego-Bestand einen flachen 2x4 Stein besorgt und wolltest ihn zersägen. Ein Macher – so könnte man dich gut beschreiben. Jemand, der zuverlässig die Welt zurück ins Lot bringen kann, wenn sie aus den Fugen gerät.


Ich habe deine Legosteine übrigens mehr als einmal verflucht, denn sie lagen immer überall im Haus herum. Und wenn man morgens um 5.45 Uhr auf dem Weg zur Toilette barfüßig auf einen Legostein tritt, sind alle Flüche der Welt völlig gerechtfertigt.


Als wir dann vor ein paar Jahren Rike kennenlernten, staunten wir erst einmal. Sie war so ganz anders: sehr empathisch, spirituell angehaucht, sehr mit ihrem Herzen in der Welt. Reiki, Yoga, Chakra-Meditation. Alles Sachen, von denen wir kaum etwas wussten. Meine Frau und ich waren zu dieser Zeit wirklich viel im Internet unterwegs und googelten wie die Weltmeister. Nicht alles, was man im Netz zu diesen Suchbegriffen findet, ist allerdings dazu geeignet, Befürchtungen interessierter Eltern aufzulösen. Aber Rike erklärte uns recht schnell, dass Yoga und Tantra zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. Wir dachten zunächst: Okay, Gegensätze ziehen sich an. Wo die Liebe hinfällt und so. Irgendwann erkannten wir jedoch, dass ihr nur auf den ersten Blick gegensätzlich seid. Denn auch Rike verzweifelt nicht bei Problemen und Hindernissen. Sie geht nur anders mit ihnen um, sie begegnet ihnen mit Liebe, Lachen und dem Urvertrauen, dass alles gut werden wird. Dass alles gut ist. Gegensätze mögen sich anziehen, aber meistens heben sie sich auch auf. Das Wasser löscht das Feuer, die Sonne lässt den Schnee schmelzen. Nein, ihr seid keine Gegensätze. Ihr seid Verstärker füreinander und ergänzt euch zu einer wundervollen Einheit. Rike, mit deiner warmen und herzlichen Art bist du ein Geschenk für die Welt. Sie wird durch dich ein klein wenig besser. Und ebenso bist du auch ein Geschenk für uns. Und das nicht nur, weil sich die Rückenprobleme meiner Frau in Luft aufgelöst haben, seitdem du sie für Yoga begeistert hast.


Wenn ich jetzt sage, dass wir stolz und glücklich auf euch sind, dann sage ich das vor allen Dingen für die anwesenden Gäste. Ihr wisst es sowieso. Also geht mit Freude euren Weg. Geht ihn gemeinsam und seid achtsam mit euch und der Welt. Genießt die glücklichen Momente. Habt Kraft und Ausdauer, wenn es holperig wird. Und vergesst nicht, dass ihr nicht alleine seid. Nicht jeden steilen Anstieg muss man allein bewältigen. Wir werden weiterhin für euch da sein und euch auf eurem Weg begleiten. Auf den breiten Wegen mit der schönen Aussicht werden wir da sein. Und auf den anstrengenden, gewundenen Trampelpfaden werden wir da sein. Unebenheiten plattwalzen: Das kann ich.


Liebe Rike, lieber Stefan, wir alle heben unser Glas auf euch und wünsche euch das beste aller Leben.

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